Allgemeinbildung und Berufsorientierung – ein Gegensatz?

Potsdam (pm) - Diese Frage stellte sich der Bundeselternrat mit seinen Fachausschüssen Haupt- und Gesamtschule unter dem Jahresthema „Welche Bildung braucht unsere Gesellschaft?“ auf seinem Fachkongress vom 22.01. – 24.01.2016 in Potsdam.

Die Auseinandersetzung über den Wert der Allgemeinbildung und der Berufsbildung und deren Vereinbarkeit ist ein klassisches berufspädagogisches Thema und sie hat gerade in föderalen Bildungssystemen eine lange Tradition.  So wird in der Schweiz, in Österreich und in Deutschland der Allgemeinbildung ein weit höherer Wert als der Berufsbildung eingeräumt. Diese Annahme fußt auf dem neuhumanistischen Bildungsideal, wonach  die „wahre Menschenbildung“ über die Allgemeinbildung erfolgt. Die Berufsbildung dient lediglich der fachspezifischen Kompetenzbildung, die anschließend zu einem Beruf führt. Eine Verbindung der Allgemeinbildung  und der Berufsbildung wird heute in der Schulwirklichkeit vielfach noch kritisch gesehen.

Mit dem Vortrag „Wie allgemein soll die Bildung sein?“ von Prof. Dr. Zimmerli wurde diese Vorgehensweise kritisch hinterfragt. Aus seiner Sicht bedarf es gerade in föderativen Bildungssystemen einer umfassenden Bildungsstrategie, um jeder Form von Miniaturisierung entgegen zu wirken. Ausgangspunkt für seine Kritik an der angewendeten strikten Trennung von allgemeiner und beruflicher Bildung ist die Frage nach der Bedeutung der Bildungsgerechtigkeit und der Chancengleichheit. Auf dem Kongress des Bundeselternrats wurden diese Begriffe in Anlehnung an John Rawls wie folgt definiert:

 Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit

Wir sprechen von einer umfassenden Bildungsgerechtigkeit, wenn jeder bereit ist, freiwillig die Rolle der Menschen einzunehmen, die in unserem Bildungssystem am meisten benachteiligt sind. Den größten Einfluss auf die eigene Position hat hierbei aktuell die soziale Herkunft. Um Gerechtigkeit herzustellen, muss gerade das Bildungssystem diesen Einfluss kompensieren. Chancengleichheit bedeutet hingegen allen Menschen die gleichen Startbedingungen zu geben. Dabei geht es nicht um die Gleichheit der zu erreichenden Ziele, sondern um die Bereitstellung der individuell notwendigen Lernbedingungen. Die Zugangsmöglichkeiten zu einem Bildungssystem sind wichtiger als seine Durchlässigkeit.

Migration als Chance

Unter diesem Aspekt sind besonders die Herausforderungen durch die anstehende Zuwanderung in den Blick zu nehmen. Viele zugewanderte Kinder und Jugendliche erfüllen  unsere schulischen Anforderungen nicht. Um den Zugang in das Bildungssystem zu erleichtern wird mittlerweile über die Senkung der allgemeinen Bildungsanforderungen nachgedacht. Es muss aber in erster Linie um die Form der Feststellung und Anerkennung der bereits vorhandenen Kenntnisse gehen. Folgt man den vorgenannten Idealen der Bildungsgerechtigkeit und der Chancengleichheit, ist vor allem das Öffnen der individuellen Bildungswege zu gestalten. Bildungszugänge dürfen nicht auf Grund fehlender Qualifikationen grundsätzlich eingeschränkt werden, denn Bildung ist ein wesentlicher Teil der Integration. Im Ergebnis muss unser duales Schul- und Ausbildungssystem zu einem pluralen Bildungssystem weiterentwickelt werden.

Integration von Allgemein- und Berufsbildung

Der Vorsitzende des Bundeselternrats Michael Töpler erklärte hierzu: „Im Zentrum einer sich immer schneller wandelnden Berufswelt steht die Vermittlung von Schlüsselqualifikationen. Besonders allgemeine Kompetenzen wie die Methoden-, Fach-, Personal-und Sozialkompetenzen werden hier verlangt. Diese Kompetenzen sind nicht auf bestimmte Schulformen oder Abschlüsse beschränkt. Sie müssen ganzheitlich auf allen Ebenen der Bildung vermittelt werden und das unabhängig von dem angestrebten Bildungs- und Berufsziel. Allgemeinbildung und Berufsbildung zielen beide auf die Entwicklung der Persönlichkeit.“

Bildung für die Zukunft

Im Rahmen dieser Zusammenführung von Allgemeinbildung und Berufsbildung ist eine weiterführende Berufs- und Studienorientierung gefragt. Der Pressesprecher des Bundeselternrats Wolfgang Pabel forderte hierzu: „Für die Berufs- und Studienorientierung benötigen wir einen Mittler, der sich bei den regionalen und überregionalen Bildungsangeboten auskennt und die Schüler/innen und ihre Eltern langfristig bei dieser Entscheidungsfindung begleitet. Neben dieser persönlichen Unterstützung benötigen wir ein Kriterienraster, welches die Schüler/innen schon frühzeitig, also auch schon bei der Fächer- und später bei der Berufswahl unterstützt. Gerade eine umfangreiche und systematisch aufgebaute Berufs- und Studienorientierung senkt die nach wie vor viel zu hohen Abbruchzahlen von bis zu 30 % im Studium und in der Ausbildung zu einem Beruf. Die Berufsorientierung muss als Bildungsschwerpunkt in allen Schulgesetzen fest verankert werden und kann auch bei Bedarf in ein eigenes Schulfach münden. Dieses müsste sich umfassend mit dem Kern von Bildung, der Persönlichkeitsentwicklung der Schüler/innen und ihren Zukunftsvisionen beschäftigen. Wichtige Aspekte hierfür wären die Wahrnehmung der eigenen Wirksamkeit, Verantwortungsgefühl, Vertrauen in die Gemeinschaft, Selbstorganisation, lösungsorientiertes Denken und das Erkennen der Sinnhaftigkeit des eigenen Handelns. Im Mittelpunkt steht also die Frage: „Wer sind wir und was hat für uns einen Wert?“ Die im Jahresthema gestellte Frage: „Welche Bildung braucht unsere Gesellschaft?“ lässt sich damit nicht abschließend beantworten. Vielmehr wurde diese Frage durch unseren Kongress noch einmal geschärft: „Welche Bildung brauchen wir, damit unsere Kinder eine gute Zukunft haben?“

Pressemeldung des Bundeselternrats vom 27.1.2016.

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