VBE warnt vor wachsender pädagogischer Deprofessionalisierung

Seiteneinsteiger: Notlösung wird zunehmend zu Dauerzustand

Berlin (pm) - „Der Lehrermangel hat Deutschland fest im Griff, weswegen immer mehr Seiteneinsteiger eingestellt werden. Was ursprünglich als Notlösung gedacht war, ist längst zum Dauerzustand geworden. Vereinzelt sind bereits die Hälfte der Neueinstellungen Seiteneinsteiger, zum Beispiel im Grundschulbereich in Sachsen. Das Kernproblem ist, dass zunehmend Personal eingestellt werden muss, das gar nicht oder zumindest nicht ausreichend vorqualifiziert ist. Das wird noch nicht absehbare Folgen haben, denn Integration und Inklusion führen dazu, dass es in der Schule immer mehr Kinder gibt, die auf Personal mit besonders hoher pädagogischer Ausbildung angewiesen sind“, mahnt der VBE-Bundesvorsitzende, Udo Beckmann.

2016-08-27_board-106802_640 (400x289)Der anhaltende Lehrermangel in der Grundschule und den Schulformen der Sekundarstufe I zwingt Schulleitungen zur Einstellung von Seiteneinsteigern. Beckmann unterstreicht: „Bei der Besetzung offener Stellen haben Schulleitungen keine Alternative. Der Vorwurf geht an die Politik, die sich gerne hinter dem Mehrbedarf, der durch die Zuwanderung entstanden ist, versteckt. Fakt ist aber, dass die Politik jahrelang keine Vorsorge getroffen hat, sondern blind auf rückläufige Schülerzahlen gesetzt hat. Die Pensionierungswellen waren vorherzusehen, auch die durch Inklusion entstehenden personellen Anforderungen. Jetzt Seiteneinsteiger zum einen in großer Zahl und zum anderen ohne ausreichende pädagogische Vorqualifizierung an die Schulen zu schicken, ist keine Lösung des Problems.“

Eine Herausforderung für das Lehrerkollegium sei, dass die Seiteneinsteiger in Mentorenprogrammen betreut, unterstützt und begleitet werden müssten, bis sie in ihrem neuen Aufgabenfeld zurechtkommen. Der VBE-Bundesvorsitzende macht deutlich: „Für die im System befindlichen Lehrkräfte bedeutet die vermehrte Einstellung von nichtpädagogischem Personal deshalb eine weitere Aufgabe, die in der Regel ohne zusätzliches Zeitkontingent einfach draufgesattelt wird. Die Politik schafft mit der Lösung Seiteneinstieg weitere Probleme. Ohne Gelingensbedingungen, wie Kooperationszeit für Lehrkräfte und Seiteneinsteiger sowie entsprechende Vorqualifikation wird es nicht gehen.“

Er unterstreicht aber auch: „Damit ich nicht missverstanden werde: Wir haben vollen Respekt für alle Personen, die nicht pädagogisch vorqualifiziert sind und sich den Herausforderungen der Schule stellen wollen. Durch ihre persönlichen und beruflichen Erfahrungen in anderen Berufsfeldern können sie zudem durchaus einen Mehrwert für den Schulbereich bringen. Für die Seiteneinsteiger ist es jedoch unerlässlich, bevor sie das erste Mal vor der Klasse stehen, angemessen qualifiziert zu werden, da es ihnen in der konkreten Unterrichtssituation mehr Sicherheit im Handeln gibt und einen leichteren Start in der Schule ermöglicht.”

Der VBE-Bundesvorsitzende erläutert: „Kinder brauchen gute Pädagogen. Der Forscher John Hattie predigt: Auf den Lehrer kommt es an. Dafür wurde er von der Politik gefeiert. Hier entsteht ein Widerspruch!“ Der VBE fordert eine mindestens halbjährige Intensivausbildung, bevor die Quereinsteiger selbst unterrichten und danach eine berufsbegleitende Weiterqualifizierung. Zudem wird es höchste Zeit, dass alle Länder sich verpflichten, Lehrkräfte entsprechend des eigenen Bedarfs (und der Schulformen) auszubilden, anstatt auf Abwerbung aus anderen Ländern zu setzen. „Hier bedarf es einer Selbstverpflichtung der Länder in der Kultusministerkonferenz. Der Lehrerklau muss aufhören“, so Beckmann.

Teil der Lösung des Problems sei auch, die Attraktivität des Lehrerberufs zu steigern durch eine gesamtgesellschaftliche Anerkennung pädagogischer Berufe, eine bessere Bezahlung und aufgabengerechte Arbeitsbedingungen, zum Beispiel durch die Unterstützung der Schulen durch multiprofessionelle Teams.

Pressemeldung des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) vom 5.4.2017.

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