Welche Schule für mein Kind? Die Waldorf-Schule

(bk) – Eltern, die auf der Suche nach einer Alternative zur staatlichen Schule sind, tun dies aus unterschiedlichen Gründen. Aber mit einem gemeinsamen Ziel: Sie wollen eine „bessere“ Schule für ihr Kind. Für manche Eltern bedeutet „besser“, dass der Lehre das Menschenbild der Anthroposophie zugrunde liegt. Dann ist die Waldorf-Schule vermutlich die erste Wahl.

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Erster Schultag in der Waldorfschule: Das kann man ganz gelassen angehen, Leistungsdruck gibt es hier nicht. (c) S. Hofschlaeger_pixelio.de

Nach Auskunft des Bundes der Freien Waldorfschulen e.V. gibt es in Deutschland 235 Waldorf-Schulen, nach ihrem Begründer teilweise auch Rudolf-Steiner-Schulen genannt. Waldorf-Schulen finden sich in allen Bundesländern, besonders viele in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen, weniger in den neuen Bundesländern, in denen Waldorf-Schulen noch keine Tradition haben. Waldorf-Schulen umfassen die Klassen 1 bis 12 und sind in Deutschland staatlich anerkannte Ersatzschulen in freier Trägerschaft. Geleitet wird jede Schule durch kollegiale Selbstverwaltung von Eltern und Lehrern gemeinsam.

Das anthroposophische Menschenbild

Die Waldorfpädagogik (Quelle: Wikipedia) wurde Anfang des 20. Jahrhundert von Rudolf Steiner entwickelt und beruht auf einem anthroposophischen Menschenbild, das sich aus Steiners anthroposophischer Weltanschauung herleitet. Steiners esoterische Lehren sehen eine Drei- und Viergliederung des Menschen und unterstützen die Temperamentenlehre.

Die „Viergliederung“ des Menschen umfasst neben dem Körper drei übersinnlich wahrnehmbare Glieder: Ätherleib als Träger der Wachstumskräfte, der Astralleib als Träger des Seelenlebens und das „Ich“ als unsterblicher, geistiger Kern des Menschen. Diese vier Glieder werden im Abstand von je sieben Jahren nacheinander geboren, was in der Waldorfpädagogik entsprechend berücksichtigt wird.

Intellektuelle, künstlerische und praktische Fähigkeiten gleichberechtigt schulen

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In der Waldorfschule kann sich die Kreativität entfalten. (c) S. Hofschlaeger_pixelio.de

In der „Dreigliederung“ besteht der Mensch aus Geist, Seele und Leib. Die Fähigkeiten der Seele unterteilen sich in Denken, Fühlen und Wollen. Die drei Fähigkeiten werden in der Waldorfpädagogik gleichberechtigt geschult. Neben den intellektuell-kognitiven Fähigkeiten („Denken“), die an traditionellen Schulen im Vordergrund stehen, stehen mit dem gleichen Stellenwert die künstlerisch-kreativen („Fühlen“) und die handwerklich-praktischen („Wollen“) Fähigkeiten der Schüler. Das bedeutet konkret, dass an Waldorf-Schulen das Angebot an künstlerischen und praktischen Fächern ungleich größer ist als an öffentlichen Schulen.

Haupt- und Fachunterricht plus Handwerke

Der Stundenplan an einer Waldorf-Schule kann deshalb auch ganz anders aussehen, als wir es gewohnt sind. Im „Hauptunterricht“ werden die Lernfächer nicht einzeln unterrichtet, sondern als Epochenunterricht, d.h. eine Klasse z.B. mehrere Wochen lang zwei Stunden pro Tag nur Deutsch hat, später dann nur Mathematik usw. Zum weiteren Fachunterricht gehören ab der ersten Klasse zwei Fremdsprachen, eine dritte Fremdsprache setzt in Klasse 5 ein, und handwerklich-künstlerischer Unterricht, wozu z.B. Handarbeit, Singen, Instrumentalmusik, Religion, Turnen, Gymnastik zählen. Ab der 5. Klasse werden verschiedene Handwerke gelehrt wie Schreinern, Hauswirtschaft, Schneidern, Gartenbau, in der Oberstufe auch Technologie, Informatik u.a.

Welche Fächer eine Waldorf-Schule tatsächlich unterrichtet, kann von Schule zu Schule variieren.

Der Klassenlehrer – der Mensch ist wichtiger als der Lernstoff

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Auch staatliche Grundschulen setzen heute mehr auf spielerische und kreative Elemente, trotzdem steht hier immer noch der Erwerb von Wissen im Vordergrund. (c) Dieter Schütz_pixelio.de

In den ersten acht Schuljahren ist der Klassenlehrer die wichtigste Bezugsperson, er übernimmt den Hauptunterricht, wozu Deutsch, Mathematik, Sachkunde, Kunst, Geschichte, Biologie, Geographie, Physik und Chemie gehören. Den Fachunterricht erteilen von Anfang an Fachlehrer.

Schulbücher gibt es in der Waldorf-Schule selten, der Stoff soll selber erarbeitet werden. Wichtigste Lernmethode ist das Führen eines schön ausgestalteten Epochenheftes. Elektronische Medien werden nur sehr wenig eingesetzt.

Auch der Lehrplan von Waldorf-Schulen weicht von denen öffentlicher Schulen stark ab. Im Mittelpunkt stehen keine Ziele und Themen, sondern die Pädagogen als „Tor zur Welt“. Sie sollen dem Kind jeweils den zum Entwicklungsstand passenden Stoff nahebringen, mit der nach anthroposophischen Grundsätzen geeigneten Methode.

Noten und „Sitzenbleiben“ gibt es an Waldorf-Schulen nicht, eine Differenzierung nach Leistung frühestens in der Oberstufe.

Staatlich anerkannte Abschlüsse können auch an der Waldorf-Schule erworben werden und werden natürlich als Notenzeugnis vergeben.

Mehr Lebenseinstellung als schulische Alternative

Dass die Waldorfpädagogik auf einem eigenen Menschenbild beruht, macht sie zu einer sehr speziellen Form der Erziehung. In der Waldorf-Schule geht es nicht nur um die Wissensvermittlung im intellektuellen Bereich, sondern um eine ganzheitlichere Entwicklung des Schülers. Größere Anteile an künstlerischen und praktischen Fächern mögen vielen Kindern entgegenkommen, ebenso der Verzicht auf Noten. Trotzdem ist die Waldorf-Schule wohl keine Schule, die Eltern nur aus diesen Gründen wählen. Ohne die Unterstützung der esoterisch angehauchten Lehre der Anthroposophie Steiners auch im privaten Umfeld wären zahlreiche Konflikte vorprogrammiert. Somit ist die Waldorf-Schule wohl eher eine Lebenseinstellung als eine simple Schul-Alternative.

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