Welche Schule für mein Kind? Privatschulen

(bk) Privatschulen genießen in der Regel einen guten Ruf: Der Unterricht soll besser sein, die Absolventen seien später erfolgreicher, es sind Schulen für Reiche, sie sind elitär, sie schotten sich ab. So weit die Vorurteile. Trotzdem oder gerade deswegen sind Privatschulen beliebt, die Zahl der Anmeldungen übersteigt in vielen Fällen die zur Verfügung stehenden Plätze für Schüler. Doch Privatschule ist nicht gleich Privatschule, es gibt viele, teils gravierende, Unterschiede.

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Schuluniform gelten als Symbol für die bessere Privatschule – in Deutschland sind sie aber die Ausnahme. (c) Jerzy_pixelio.de

Die Pisa-Studie von 2006 brachte Privatschulen ins Gespräch, da ihre Schüler auf den ersten Blick besser abgeschnitten hatten. Nachdem man allerdings herausgerechnet hatte, dass die überwiegende Zahl der Schüler von deutschen Privatschulen aus wohlhabenden, bildungsnahen Schichten stammen, sah die Bilanz der Privatschulen gar nicht mehr so gut aus. Im Jahr 2006 besuchten (lt. OECD) rund 6 Prozent aller deutschen Schüler eine Privatschule, ein vergleichsweise geringer Anteil also. (Zum Vergleich: der OECD-Durchschnitt lag bei 14 Prozent)

Privatschulen, auch “freie Schulen” genannt, sind alle Schulen, die nicht in öffentlicher Trägerschaft sind. Träger von Privatschulen können Firmen genauso sein wie Vereine, Organisationen oder Privatpersonen. Unterschieden werden Ersatz- und Ergänzungsschulen. Ersatzschulen sind Privatschulen, die auf die üblichen Schulabschlüsse vorbereiten und an denen man der Schulpflicht genügen kann. Ergänzungschulen tragen beliebige andere Aspekte zum Schulangebot bei. Freie Unterrichtseinrichtungen zählen nicht zu den Privatschulen (zum Beispiel Tanz- oder Karateschulen).

Ersatzschulen

Der Besuch dieser Privatschulen erstzt den Besuch einer vergleichbaren öffentlichen Schule, je nach Schulart können die entsprechenden öffentlichen Abschlüsse erworben werden. Deshalb unterstehen diese Privatschulen der staatlichen Aufsicht und müssen staatlich anerkannt oder wenigstens staatlich genehmigt sein. Die Lehrer müssen damit vergleichbare Qualifikationen aufweisen wie Lehrer an öffentlichen Schulen. Je nach Bundesland erhalten die Ersatzschulen eine staatliche Refinanzierung, die aber immer eine Finanzierungslücke offen lässt, die die Schule bzw. der freie Schulträger auf andere Art decken muss. Viele Privatschulen erheben deshalb Schulgebühren und / oder planen die Arbeitskraft der Eltern fest mit ein.

Abschlüsse an Ersatzschulen

Staatlich anerkannte Ersatzschulen führen die Abschlussprüfungen wie staatliche Schulen in Eigenregie durch. Genehmigte Ersatzschulen (und anerkannte Ergänzungsschulen in Nordrhein-Westfalen) bereiten ihre Schüler dagegen auf eine Externenprüfung vor. Je nach Bundesland kann auch bei staatlich anerkannten Ersatzschulen ggf. ein externer Vorsitzender des Prüfungsausschusses verpfichtend sein.

Ergänzungschulen

Mit dem Besuch von Ergänzungschulen können Schüler in der Regel nicht ihre Schulpflicht erfüllen, in einigen Bundesländern ist beim Besuch bestimmter Schulen evtl. eine Befreiung von der Schulpflicht möglich.

Nach einer Anmeldung bei den Behörden kann eine Ergänzungschule als “registrierte Privatschule” geführt werden. Unter bestimmten Voraussetzungen ist dann eine staatliche Anerkennung als Ergänzungsschule möglich.

Ergänzungsschulen finden sich häufig im Bereich der beruflichen Bildung wie z.B. Höhere Berufsfachschulen, Schauspielschulen o.ä.

Finanzierung

Da die Refinanzierung durch den Staat die Kosten von Privatschulen nicht deckt, ist die Schule auf zusätzliche Einnahmen angewiesen. Das Geld kann über Beiträge und Spenden von Schulfördervereinen hereinkommen, manche Schulen erheben auch Schulgeld, häufig gestaffelt nach dem Einkommen der Eltern.

Vielfältigkeit des Angebots

Privatschulen vertreten keine einheitliche Linie, sondern zeichnen sich gerade durch die Vielfältigkeit aus. Unterschiedliche pädagogische Ansätze, weltanschauliche Prägungen oder spezielle Schwerpunkte sezten Akzente in unserer Schullandschaft. Schon deshalb ist es fragwürdig, pauschal von “den besseren Privatschulen” zu sprechen. Eltern, die darüber nachdenken, ob eine private Ersatzschule für ihr Kind eine Alternative wäre, sollten sich also im Vorfeld gut informieren, welche Ersatzschulen es in ihrer Stadt gibt und welche Vor- und Nachteile diese Schule für ihr Kind und für sie selber hätten.

Montessori-Schulen und Waldorf-Schulen gehören zu den bekanntesten Privat- oder Freien Schulen mit reformpädagogischen Ansätzen. Daneben gibt es viele weitere Arten wie Sport- oder Sprachschulen, Internationale Schulen, Konfessionelle Schulen. Auch wenn man sie meistens nicht als “Ersatzschulen” betrachtet, sind Schulen in kirchlicher Trägerschaft, v.a. Grundschulen und Gymnasien, sehr weit verbreitet. Laut Statistischem Bundesamt besuchten im Schuljahr 2005/2006 sogar 40 Prozent aller Gymnasiasten eine Schule in freier Trägerschaft, ein vergleichsweise hoher Anteil, wenn man den Durchschnitt von 6 bis 7 Prozent aller Schüler bedenkt.

Weitere Informationen

Wenn ihr Kind vor der Einschulung oder dem Schulwechsel steht, finden Eltern hier nähere Informationen:

Ein Kommentar zu “Welche Schule für mein Kind? Privatschulen

  1. Wie oben beschrieben ist der Hype um Privatschulen seit einigen Jahren sehr groß. Das ist meines Erachtens gut nachvollziehbar, wird doch an unserem antiquiertem Schulsystem lieber herumgedoktert und erfolglos repariert, als dass Schule neu erfunden wird. Dies verhindert ein immer größer werdender Berg von Bürokratie.

    Selber habe ich den größten Teil meines Lehrerinnendaseins mit großer Freude an einem kirchlichen Gymnasium verbracht, welches zu Recht einen sehr guten Ruf innehat. Nach meiner Elternzeit, zahlreichen Weiterbildungen im Coachingbereich und der Versetzung in eine (wieder kirchliche) Schule meines Wohnortes habe ich die Welt immer mehr durch eine andere Brille betrachtet. Im Laufe dieser Jahre wurde der Berg an Bürokratie immer größer und zugleich passten die Kinder immer weniger in das an staatliche Normen angepasste Schulsystem. Somit habe ich zu Gunsten meiner Berufung als Lerncoach meine Planstelle im vergangenen Jahr gekündigt.

    Welche Fakten sind bei der Entscheidung zu beachten?

    Eine staatlich anerkannte Privatschule unterscheidet sich immer weniger von einer rein staatlichen Schule – die Zeiten der Autonomie sind weitgehend vorbei. Hingegen wird den staatlich genehmigten Schulen wesentlich mehr Freiraum eingeräumt – die Abschlüsse müssen extern an einer staatlichen Schule absolviert werden.

    Welche Schule passt nun zu meinem Kind? Das ist die zentrale Frage Nummer 1, die ich stellen würde. Das ist besser als eine reine Weg-von-öffentlicher-Schule-Motivation.

    Oder: Wie gut wird an den öffentlichen Schulen in Wohnortnähe gearbeitet? Alle Schulen bieten mittlerweile Info-Abende oder Tage der offenen Tür an und zeigen sich von ihrer Schokoladenseite. Und “trotzdem” dürfen Sie sich auf Ihr Gefühl verlassen. Nicht immer kann ein tolles Gebäude punkten. Im Endeffekt steht und fällt die Qualität der Schule mit den Personen, die dort tätig sind – angefangen von der Schulleitung bis hin zu den Lehrern.

    Passen die an der Schule angewandten Methoden zu meinem Kind? Beispiel: Für ein eher reaktives Kind (braucht oft Anweisungen) stellt Freiarbeit eine wesentlich größere Herausforderung dar als für ein proaktives selbständiges Kind. Auch Frontalunterricht kann von Vorteil sein, wenn eine Lehrkraft spannend und gut erklärt/ erzählt. Vor drei Jahren hatte ich einen schwer hörgeschädigten Jungen in der Klasse, für den frontal gehaltener Unterricht wesentlich entspannender war, da er besser von den Lippen ablesen konnte. Freiarbeit muss sehr gut vorbereitet und die Ergebnissicherung gewährleistet sein.

    Nicht immer finden sich an freien Privatschulen gut ausgebildete Lehrkräfte. Das hängt stark von den Einstellungszahlen an den öffentlichen Schulen ab, wie viele Lehrer dann “übrig” sind. Natürlich ist das auch abhängig von der eigenen Überzeugung, an welcher Schule man sich gut aufgehoben fühlt. Selber habe ich den Kirchendienst gegenüber dem Staatsdienst bevorzugt, da ich als Religionslehrerin über den reinen Unterricht hinaus schöne spirituelle Angebote machen konnte.

    Auch der Schulweg ist nicht zu unterschätzen. Macht es Sinn, einmal quer durch die Großstadt und durch den halben Landkreis zu fahren? Wie viel Freizeit für Hobbys und Freunde bleibt dann noch?

    Oder anders: Wie gut ist das Nachmittagsangebot, falls der Heimweg sehr lang ist? Sind die Hausaufgaben gemacht, konnte sich das Kinsd genügend bewegen und Frischluft tanken? Kann es dort seine Hobbys ausübe, Instrumentalunterricht nehmen? Welche Freunde würden auch diese Schule besuchen?

    Mein Fazit: Schauen Sie genau hin! Rein wirtschaftlich betrachtet: Passt das Preis-Leistungs-Verhältnis? Was bedeutet Mitbestimmung der Eltern an der jeweiligen Schule – darf in Gremien mitdiskutiert werden oder reduziert sich die Mitarbeit auf das Zubereiten von Schnittchen und Kaffee kochen?…

    Meine persönliche Erfahrung: Meine Erfahrung als Lehrkraft habe ich oben angedeutet. Als Mutter habe ich am Schuljahresende meine Erstklässlerin in einer (eigentlich als beste Grundschule in unserer Stadt bezeichnet) privaten Grundschule abgemeldet und sie an der Sprengelschule in der gebundenen Ganztagesklasse angemeldet. Die Freiarbeit mit Montessori-Material und das Konzept Marchtaler Plan haben meiner Tochter sehr gut gefallen. Was ihr definitiv nicht gut getan hat, war das späte Mittagessen zu Hause (sie war immer schon viel zu müde), da es kein Ganztagsangebot gab. Sie wollte lieber, wie im Kindergarten gewohnt, mit ihren Freunden essen. Ebenfalls nicht gut getan hatte ihr die cholerische Lehrerin, die sie vier Jahre lang gehabt hätte… Ich erkannte mein eigenes Kind nicht mehr, völlig eingeschüchtert anstatt wie gewohnt fröhlich und selbstbewusst.

    Seit dem ersten Schultag in der neuen Schule habe ich wieder ein selbstbewusstes ausgeglichenes Kind. Heute Nachmittag beim Abholen stand ein weiteres Mädchen aus der ehemaligen Klasse meiner Tochter vor mir und erzählte mir freudestrahlend, dass sie nun auch die Schule gewechselt hat…

    Schauen, hören und fühlen Sie!

    Herzliche Grüße

    Anja Keitel

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